Frischer Morgentau hängt noch auf den Gräsern am Waldrand, die Sonne schiebt sich langsam durch die Baumwipfel, der Tag erwacht langsam. Es ist einer jener letzten warmen Tage im September, die uns sagen wollen, es wird Zeit. Zeit noch einmal hinauszugehen, in die Natur, ins Grün, bevor die Bäume ihre Blätter verlieren, bevor die Winterkälte über die Lande zieht. Ich will diesen Tag nutzen und setze mich kurzentschlossen ins Cabrio und fahre 1 1/2 Stunden in Richtung Schwäbische Alb. Ich parke auf dem Wanderparkplatz bei Bad Urach, der zum Uracher Wasserfall führt.

Schon der schwäbische Dichter Gustav Schwab, der sich durch die Übersetzung seiner Sagen des Altertums einen Namen machte, schwärmte in seinen Reisenotizen Wanderung durch Schwaben von dem Tal, das „alle Schönheiten der Albnatur in größter Vollständigkeit und Fülle in sich vereinigt“. Mal sehen was es mit dieser Idylle auf sich hat, die Gustav Schwab im frühen 19. Jahrhundert an dieser Stelle vor Augen hatte.

Ich gehe den Waldweg vom Parkplatz in Richtung Uracher Wasserfall (2,5 Kilometer). Und tatsächlich finde ich die Schwäbische Alb und das hochgelobte Tal von Bad Urach in der selben Pracht vor, wie sie wohl auch schon Gustav Schwab gepriesen hat. „Die Zierde dieser Gebirgsabhänge, die reichen Buchenwälder, bekleiden seine Berge vom Gipfel bis an den untersten Saum der Wiesen…“*, schreibt Gustav Schwab in seinen Wanderungen durch Schwaben.

Mein Weg führt vorbei an den noch saftig grünen Wiesen und vorbei an frisch gesägtem Baumholz. Ich liebe den Geruch von frisch gesägten Baumstämmen, es gibt für mich keinen natürlicheren Geruch als der von echtem Holz. Aus der Morgenluft ist längst die sommerliche Hitze verschwunden, die Frische ist zurückgekehrt und lässt mich wieder atmen, lässt mich wieder innerlich frei werden. Genau der richtige Ort, um meinen Zwetschgendatschi vom Bäcker auszupacken und erst mal ein kleines Picknick mitten im Grün der Bäume einzulegen.

Der Weg vom Parkplatz zum Wasserfall ist wirklich sehr kurz, barrierefrei und dauert ca. 15 Minuten. Aber es lohnt sich, der Bad Uracher Wasserfall gehört zu den bekanntesten Naturschauspielen auf der Schwäbischen Alb und in Südwestdeutschland. 35 Meter stürzt sich das Rinnsal über einen Tuffstein in die Tiefe. Seine Strahlen teilen sich auf mit Moosen und Flechten bewachsenen Felsen der Schwäbischen Alb und sausen ins Tal hinunter. Momentan sicherlich mit weniger Wasser als üblich, aufgrund des heißen Sommers. Für Gustav Schwab sah es in seinen Reisenotizen so aus: „Von der südwestlichen Gebirgswand rauscht uns der dreifache Wasserfall des Brühlbaches entgegen, der sich hier die ganze Albhöhe herab über eine Tuffsteinmasse fast senkrecht ergießt und auf den die Felsen und Wälder der Albhöhe niederschauen”.*

Auch Eduard Mörike, ein anderer schwäbischer Dichter schreibt über den Uracher Wasserfall an einen Freund:

Ein Wasserfall, mein Freund

Uns beiden wohlbekannt.

Wie manchmal standen wir davor,

An ihm berauschend Aug und Ohr

Da wir noch andre Burschen waren…

(Eduard Mörike)

Die bizarren Naturschauspiele haben die Dichter und Denker des 19. Jahrhundert schon immer zu romantischen Worten verleitet. Das Besondere daran ist, dass diese literarischen Verortungen noch immer nachwirken. Sie funktionieren auch heute noch. Wenn man vor so einem Phänomen wie einem Wasserfall steht, fühlt man sich noch immer gut und im Fluß mit der Umgebung.

Auch wenn man von unten den schönsten Blick auf den Bad Uracher Wasserfall hat, steige ich die Treppen hoch, um dem Geplätscher noch näher zu kommen. Hier bieten sich auf dem Weg ganz unterschiedliche Sichtfelder auf den Wasserfall. Von oben habe ich eine traumhafte Sicht über das Maisental und auf die Burgruine Hohenurach, die dem Wasserfall gegenüberliegt. Hier oben herrscht eine herrlich friedliche Waldidylle mit Grill- und Picknickplatz und der bewirteten Wasserfallhütte. Außerdem gehen von hier aus weitere Wanderwege weiter. Man könnte zum Beispiel den Wasserfallsteig laufen oder zur Burgruine Hohenurach. Hier oben entdecke ich auch das Denkmal für den Dichter Gustav Schwab, der hier vor über 200 Jahren gestanden hat und die selben Bilder sah, die ich nun sehe. Der sie niedergeschrieben hat, wie ich es nun tue, Gustav Schwab – als schwebe sein Geist noch immer hierheroben über dem Uracher Wasserfall herum.

 

 Bad Uracher Wasserfall, zwischen Bad Urach und Dettingen,
Anfahrt von Stuttgart über B27 nach Metzingen, dann B28 nach Bad Urach.
Strecke der Mini-Wanderung: 4,5 Kilometer.
Aufstieg: 116 m.
Dauer: ca. 50 Minuten.

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Auf der Schwäbischen Alb gibt es natürlich noch viel mehr zu entdecken. Daher zeige ich euch in einem meiner nächsten Beiträgen noch weitere Naturschauspiele auf der Schwäbischen Alb.

*Quelle: Schwab, Gustav: Wanderungen durch Schwaben, Kapitel 15, Urach, 1. Auflage Wilhelm Goldmann Verlag.

 

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