Scheveningen in Holland: Mit dem Rad an die See

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Scheveningen. Der Wind spült die Wellen mit Getöse an Land. Möwen spielen zwischen den Lüften, fliegen durch Wind und Meer und kreischen mit dem Wind um die Wette. Der Himmel ist mit grauen Wolken behangen. Am Strand unten liegen die alten Fischerboote, Hunde springen wie wild am Strand hin und her und Kutschen fahren heran, beladen die Schiffe. Die Fischer reparieren ihre Netze und hängen sie zum Trocknen in den Dünen auf. Ich stehe auf einer Düne, blicke hinab auf die See, schaue dem geschäftigen Treiben am Strand zu und höre dem Rauschen des Windes und der Wellen zu und egal in welche Richtung ich mich drehe, ich sehe die Weite der See.

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Scheveningen 1881: Panorama Mesdag in Den Haag

Ich bin in Scheveningen, am Meer. Wir schreiben das Jahr 1881. Eine Kavallerie des königlichen Heeres reitet heran. All das sehe ich, weil ich mitten drin bin, in einem Gemälde im Panorama Mesdag. Nicht irgendein Gemälde. Dieses Gemälde ist so illusionistisch, dass es den Betrachter zum Mittelpunkt macht und ihm das Gefühl gibt, mitten im Geschehen zu stehen. Das Panorama Mesdag ist ein 360 Grad Gemälde, eine 3-D-Rundumsicht mit Blick auf Scheveningen. Auf 120×4 Meter brachte der Künstler Hendrik Willem Mesdag 1881 das Seebad so in Szene, dass die Besucher noch heute fasziniert sind, weil je nach Betrachtungssicht die Eindrücke ändern, ganz so, wie die Farben des Himmels und der See.

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360 Grad in 3-D als Betrachter mitten im Gemälde im Panorama Mesdag

Am nächsten Tag miete ich mir ein Fahrrad, so ein richtig schönes altes Holland-Fahrrad. Ein Körbchen für meine Tasche bräuchte ich noch, sage ich und dann kann mein Ausflug ans Meer beginnen. Wie eine echte Holländerin fahre ich durch die Straßen von Den Haag, Remco, mein Guide, begleitet mich ein Stückchen, schwärmt von seiner Stadt und fährt mit mir ein wenig durch die grünen Wälder, die Den Haag von der Küste trennen. Schließlich verabschiedet er sich und ich fahre allein weiter in Richtung See. Der Wind weht sachte durch mein Haar und mein orangener Schaal fliegt mir hinterher. Ich genieße meine Radfahrt, die frische Luft und das Gefühl von Freiheit, das man nur finden kann, wenn man sich auf den Weg macht und die See irgendwo auf einen wartet.

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Die Seebrücke von Scheveningen

Ich kann es kaum erwarten in Scheveningen zu sein. Fahre versehentlich durch die Häuserschluchten, um endlich an der berühmten Seepromenade anzukommen. Scheveningen ist das größte Seebad der Niederlande. Entstanden aus einem kleinen Fischerdorf entwickelte es sich zu einem Seebad, an dem Menschen zunächst in Zubern mit Meerwasser ihr Rheuma kurierten. Ellenlanger Sandstrand und das Meer und unendlich viele Strandbars, die mich einladen wollen auf einen Aperol Sprizz, einen Champagner und frische Austern. Das könnte mir schon gefallen, hätte ich eine charmante Begleitung dabei. Die 381 Meter lange Seebrücke, ein Wahrzeichen von Scheveningen, ist leider gesperrt. Der Trubel auf der Promenade ist mir zuviel, Tagesausflügler von überall her. Ich fahre mit meinem Rad am Kurhaus vorbei, auch ein Wahrzeichen und suche den Weg in die Dünen.

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Vorbei am Kurhaus, das 1875 an der Seepromenade von Scheveningen errichtet wurde und von Königin Beatrix 1979 wiedereröffnet.

Ich denke mich zurück in das ausgehende 19. Jahrhundert, die Belle Epoche. Wie es wohl gewesen sein muss, hier über die Seepromenade zu schlendern, zwischen all den feinen Damen mit ihren langen Kleidern, in denen sich der Sand verfing, ihren weißen Handschuhen und Sonnenschirmen, wie sie am Arm eines stolzen Offiziers am Strand spazierten? Über was sie wohl gesprochen haben? Waren sie glücklich, all diese reichen Menschen, die zu den ersten Urlaubern des Seebades gehörten, die hier kurten, um ihre Tuberkulosen zu kurieren oder suchten sie ebenso wie wir eine Auszeit von der Enge der Gesellschaft? Königin Juliana von den Niederlanden streifte über den Boulevard, ihre Tochter Beatrix, die wir heute kennen, eröffnete 1979 das Kurhaus am Strand wieder. Es gleicht nach der Restauration eine Barockschloß. Heute ist darin ein Kasino und das Steigenberger Hotel untergebracht ist. Damals quartierte sich der europäische Hochadel ein um die Sommerfrische zu genießen. Unter den Gästen: Kaiser Wilhelm II., Kaiser Franz Josef von Österreich Ungarn und seine Gemahlin Kaiserin Elisabeth „Sissi“ von Wien. Sissi liebte die See, denn nur hier hatte sie das Gefühl ihrem goldenen Käfig zu entfliehen. Sie ließ sich von Matrosen bei Sturmwetter an den Mast eines Segelbootes fesseln, während ihr der Regen ins Gesicht peitschte, um die Gewalt der Natur und die Freiheit am eigenen Leib zu spüren. Sie war die einzige Kaiserin mit einem Tatoo: ein kleiner Anker auf dem Schulterblatt.

Eine Möwe bin ich von keinem Land, meine Heimat nenne ich keinen Strand, mich bindet weder Ort noch Stelle, ich fliege von Welle zu Welle. (Kaiserin Elisabeth “Sissi” von Österreich)

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Ich fahre durch die Dünen. Das vom Winde verblasste Dünengras, roh und zäh wie die See, weht sachte. Mein Rad lehne ich gegen einen Pfosten. Anders wie im Gemälde von Mesdag ist heute herrliches Sommerwetter. Der Himmel strahlt mit Bläue und die Sonne scheint. So sitze ich eine Weile und schaue nur, hänge meinen Gedanken nach. Irgendwo dahinten, 30 Kilometer von hier, muss Zandvoort liegen. Dann muss ich leider wieder zurück, die Heimreise antreten. Doch vorher mache ich halt an der Promenade. Es sind zwar keine Austern mit Champagner, aber man kann nicht in Holland an der See sein ohne Kippeling mit fettigen Fritten zu essen.

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Ich liebe dieses Bild, dieses schöne Hollandrad, die Dünen und den Moment, in dem ich hier im Dünengras verweilte, die Sonne auf mein Gesicht schien und vor mir nur die See war.

 

Infos zu Scheveningen:

Scheveningen ist ein Stadtteil von Den Haag. Der Küstenort liegt ca. 6 Kilometer vom Stadtzentrum in Den Haag entfernt und mit dem Rad schafft man das in ca. 20 Minuten.

Fahrradverleih in Den Haag:

Lola Bikes & Coffee

Totzo: Noordeinde 59, 2514 Den Haag

Die Fahrräder stammen aus der ersten Fahrradfabrik Hollands (1868). Es gibt sowohl Damen als auch Herrenräder in verschiedenen Größen.

Panorama Mesdag

Das ist eine illusionistische Ausstellung, die sehenswert ist. Ich hatte erst keine so richtige Lust reinzugehen, da das Wetter in Den Haag einfach zu schön war, aber als ich drin war, hat mich das 360 Grad Gemälde doch ganz schön fasziniert. Man fühlt sich wirklich als stehe man auf einer Düne und blickt auf das Scheveningen von 1881 und so ist der Raum auch angelegt.

BV Panorama Mesdag, Zeestraat 65, 2518 AA  Den Haag

Öffnungszeiten:

Montag bis Samstag: 10.00-17.00 Uhr (letzter Eintritt 16.45 Uhr)

Sonn- und Feiertage: 12.00-17.00 Uhr (letzter Eintritt 16.45 Uhr)

Eintritt:

Kinder 5 Euro

Erwachsene 10 Euro

Studenten 8,50 Euro

Vielen Dank an das Niederländische Büro für Tourismus & Convention sowie Tourismus Den Haag/ Scheveningen für die Einladung und Unterstützung der Reise.

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