Marokko: Der hohe Atlas – von Agadir nach Marrakesch

“Du hast Marokko nicht gesehen, wenn du nicht in Marrakesch warst”, sagt Brahim zu mir. Klar, ich will ja auch hin, schon nachdem alle meine Kollegen mir davon erzählt haben. “Du musst auf einen Souk gehen, du musst in ein Hamam gehen”, bei so vielen du musst Stimmen, bleibt einem keine Wahl. Marokko scheint das beliebteste Reiseziel unter meinen Kollegen zu sein. Klar, dass ich aus dem Touristenstädtchen Agadir einmal raus musste. Die Frage war nur, drei Stunden Bustour nach Marrakesch oder weit weniger nach Essaouira? Die Antwort war eigentlich schon vor unserer Hinreise klar: wir wollen Marrakesch sehen und voilà, es geht los.

Ich wollte heute über Marrakesch berichten und habe mich im Hohen Atlas verloren. Seit mir nicht böse, der Bericht über Marrakesch folgt bald, aber zuerst muss ich von der Busfahrt über das Hohe Atlas-Gebirge schreiben, denn es war beeindruckend.

Marokko: Von Agadir nach Marrakesch über den hohen Atlas und durch die Sous-Ebene

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Draußen vor dem Busfenster zieht die ganze Schönheit eines Landes an mir vorüber. Durch die neue Autobahn ist die Fahrt von Agadir nach Marrakesch problemlos, einzig der Druck auf den Ohren bleibt. Das Atlasgebirge, das ich schon vom Flugzeugfenster aus bestaunt habe, ist mit dem höchsten Gipfel des Toubkal von 4165 Metern hier im südlichen Marokko nicht ganz ohne. “Du kannst in Marokko Skifahren und dich danach in die Sonne an den Strand legen”, erzählt mir Adil, unser Guide, er selbst habe das schon gemacht. Danke, an Skifahren denke ich weniger, wenn ich die rötlichen Gipfel an mir vorüberziehen sehe. Am frühen Morgen hängen noch Nebelschwaden über dem Gebirge, langsam decken sie hochgelegene Bergseen auf, ich kann nur ahnen, welche Landschaften sich noch alles hinter den Bergen auftun.

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Arganbäume und Ziegen aam Wegrand zwischen Agadir nach Marrakesch

Die für diese Gegend typischen Arganbäume säumen den Weg. Ich sehe sogar einen Arganbaum, auf dem ein Dutzend Ziegen auf den Ästen steht, kaum zu glauben, wie hoch die klettern, um an die kostbare Frucht des Arganbaums zu kommen. Die Ziegen fressen jedoch nur das Fruchtfleisch, der Kern im Innern bleibt übrig und wird von den Berberfrauen eingesammelt. Auch das sehe ich, wie die Frauen mit ihren Eseln über das Land wandern, es ist September – der letzte Monat für die Ernte der Arganfrucht. Aus der Frucht wird das kostbare Arganöl gewonnen, es gilt als das mittlerweile teuerste Öl der Welt. 1 Liter kostet um die 100 Euro und wird sowohl zum Kochen als auch für die Schönheitspflege verwendet. Reich an Vitamin E und ungesättigten Fettsäuren ist es gut gegen Cholesterin, zur Vorbeuge gegen Krebs und Hautalterung. Der Arganbaum wächst nur in dieser Gegend, in der Sous Ebene, im südlichen Marokko, das macht ihn so einzigartig und sein Öl so kostbar.

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Immer wieder kommt ein Dörfchen zum Vorschein, das sich behutsam an einen Berghang drängt. Kleine Lehmhüttchen, die die gleiche Farbe haben, wie das Gestein des Berges. Die Menschen hier haben jetzt alle Strom, sagt Adil, “aber noch kein fließendes Wasser”. Ob er auch aus so einem Dorf komme, frage ich scherzhaft, “nee”, lacht er, aber seine Oma, sie wäre über hundert Jahre alt, “wie viele Menschen hier, weil sie glücklicher sind als wir, die in der Stadt leben”, erzählt Adil voller Überzeugung. “Warum?” frage ich. Sind die Zivilisationsneurosen, unter denen wir in Europa schon längst alle leiden etwa schon in die Städte Marokkos übergegangen?  “Weil sie im Einklang mit der Natur leben, weil sie hier alles haben, was sie zum Leben brauchen, die Sous Ebene hier ist überaus fruchtbares Land”. Scheint so als gäbe es hier keine Krankheiten wie Krebs, wenn die Menschen so alt werden. Und das alles wirkt so glaubhaft, wenn ich aus dem Fenster sehe, wo eine Familie vor ihrem Häusschen sitzt, die Frau in Kopftuch gehüllt, ein Ofenfeuer an: “sie machen Fladenbrot”. Adil kommentiert jedes Bild, das ich draußen vor dem Fenster aufsauge und ich ertappe mich, wie ich denke, ja vielleicht macht Fladenbrot backen wirklich glücklich.

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Als wir uns Marrakesch nähern mehren sich größere Plantagen hinter roten Lehmmauern, in denen alle möglichen Obstsorten angebaut werden, Melonen kann ich vom Bus aus sehen. Vor meinem inneren Auge steigen Bilder meines orientalischen Märchens auf, von Arabervölkern, der Wüste und herrlichen Oasen, paradisischen Gärten – hach, ein bisschen träumen darf man schließlich, wenn man sich einer Stadt wie Marrakesch nähert. Die viereckigen Minarette von Moscheen recken sich in den wolkenlosen Himmel, in Marokko sind sie viereckig nicht rund, wie zum Beispiel in der Türkei, das sei eine Einzigartigkeit, die sich die Marokkaner über alle Jahrhunderte hinweg und alle Kulturrevolten zum Trotz behalten hätten. Überhaupt scheinen mir die Marokkaner stolz auf ihr Land zu sein, warum auch nicht, es gefällt mir immer mehr, seit ich hier bin.

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