Aus dem Schornstein der Werkstatt des Dorfschmieds qualmt es an diesem Morgen schon ordentlich. Der fleißige Schmied hat schon das Feuer angeschmissen, während der Rest des Dorfes grade erst zu erwachen scheint. Ein paar Gänse schnattern um den Dorfteich, morgendliche Stille liegt über dem Dorfanger, die Fachwerkhausfassaden werden von der Morgensonne angestrahlt. Ulrike Loth schließt ihre Textilwerkstatt auf. Ich trete ein und bin irgendwo zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert in einem Paderborner Dorf in Nordrhein-Westfalen angekommen. Eine kleine Zeitreise im größten Freilichtmuseum des Landes, dem LWL-Freilichtmuseum Detmold, dem westfälischen Landesmuseum für Volkskunde.

Freilichtmuseum Detmold

Ulrike stellt Kleidung her und zwar so wie man das in dieser Region noch vor ein paar hundert Jahren gemacht hat, bevor die Industrialisierung kam. In dieser Region lebten ganze Dörfer vom Flachsanbau, dem Rohstoff für die Kleidung der Menschen vom Mittelalter bis in die Neuzeit hinein. Jeder half bei dem langwierigen Arbeitsprozess und den verschiedenen Arbeitsschritten der mittelalterlichen Kleiderherstellung mit. Die westfälischen Böden gaben optimale Bedingungen für den Flachsanbau, auf den saftigen Weiden hütete man Schafe, deren Wolle man schurr und zu Kleidungsstücken verarbeitete. Wie zeitaufwendig das in frühen Jahrhunderten war, konnte ich bis dahin noch nicht ahnen. Flachs ist eine harte Faserpflanze, strohig fühlt sie sich an als ich sie erstmals berühre, noch widerborstiger zeigt sich die Pflanze als Ulrike mir zeigt, wie man den Flachs verarbeitet. Nach der Ernte und dem Trocknen der Flachspflanzen musste der Flachs geriffelt werden, dabei  wurden die Samenkörner herausgeborstet. Aus den Samen wuchsen entweder neue Pflanzen oder man brachte sie in die Ölmühle und presste daraus Leinöl.

Freilichtmuseum Detmold

Textilworkshop im Freilichtmuseum Detmold – ich lerne flachsen!

Um die borstige Flachspflanze weich zu kriegen, musste sie nun zuerst gerottet werden, das bedeutet, sie musste im Wasserbad oder auf feuchten Weiden angefault werden, daher stammt das Wort verrotten. Nach erneutem Trocknen wurden die Fasern dann in der Schäbe gebrochen. Ulrike lässt mich ausprobieren wie man schäbt. Es ist ein Knochenjob. Mit Schwung bricht man die Fasern in einer Art Holzklappe. Es musste alles schnell gehen, denn jeder Arbeitsschritt war genau geregelt. Wer am Ende des Tages zu wenig geleistet hatte, wurde gescholten. So idyllisch das Bild des Dorfes im Museum scheint, eine heile Welt war das damals mit Sicherheit nicht.

Die jetzt weicher gewordenen Fasern lassen sich besser herausziehen, doch sie mussten nun noch durch die Hechel gezogen werden – eine Art Kamm, je nach dem wie fein das Garn sein sollte, musste grob gehechelt, dann feingechelt werden. Jetzt erst war der Flachs soweit, dass er zu einem Faden gesponnen werden konnte und das geschah auf einem Spinnrad. Wer sich noch an Grimms Märchen erinnert, der weiß, dass das Spinnrad eine sehr große Rolle darin spielte und in vielen Märchen auftauchte. Das liegt daran, dass die Märchen aus dem Mittelalter stammen, jener Zeit also, in der die Menschen von der Flachsgewinnung lebten. Nachdem der Faden nun endlich aufgespult werden konnte, konnte man daraus Kleidungsstücke für den täglichen Gebrauch herstellen. Bis dahin waren sämtliche Dorfmitglieder in den Arbeitsprozess der Kleiderherstellung integriert: von den Männern, die die Ernte auf dem Feld verrichteten, geriffelt und geschäbt haben, wobei das auch von Frauen gemacht wurde, die Frauen, die im Akkord gehechelt und gesponnen haben und die Alten Herren, welche die Fäden auf die Haspel gezogen haben – ein Rad zum Aufspulen – daher das Wort, verhaspeln, hatte man sich einmal verhaspelt, konnte man von neuem beginnen. Auch Kinder halfen mit und es war ganz natürlich, dass auch für sie genau vorgeschrieben war, wieviel Arbeit sie am Ende des Tages zu erledigen hatten. Das waren die ersten Fabriken. Man saß gemeinsam in der Stube und spinnt vor sich hin, erzählte sich den Dorfklatsch und ging abends wieder nachhause. Spinnen war das tägliche Brot der Frauen vergangener Zeiten. Ulrike sagt, sie liebe ihren Job, bei dem sie all diese alten traditionellen Arbeitsschritte erforscht und an die Gäste des Freilichtmuseums Detmolds weitergeben darf. Hätte sie auch das Spinnen im Mittelalter geliebt? Heute bekommt ein Schäfer für ein Kilogramm Wolle 60 Cent und eine Strickjacke mit echter Schafwolle, ganz ohne Chemiefasern und nach echtem Handwerk würde einige hunderte Euro kosten. Man kann sich vorstellen, weshalb dieses Handwerk in Deutschland nahezu ausgestorben ist. Ulrike hat auch eine eigene Färbstube, dort färbt sie ihre Stoffe und die Wolle aus Pflanzenfasern. Alles hergestellt und angebaut im Freilichtmuseum Detmold. Selbst die Wolle stammt von den Schafen aus dem Freilichtmuseum Detmold und der Flachs wird auf den Weiden rund ums Paderborner Dorf angebaut.

Dorfidylle zwischen Paderborner Dorf und Münsterländer Hof im Freilichtmuseum Detmold

Freilichtmuseum DetmoldNach dem Textilworkshop schaue ich mich noch weiter im Freilichtmuseum Detmold um. Mittlerweile haben noch mehr Besucher den Weg herauf ins Paderborner Dorf gefunden – das ist das größte Dorf innerhalb des Freilichtmuseums Detmold. Beim Schmied versammelt sich eine Menschentraube um das glühende Kohlenfeuer. Das Paderborner Dorf im Freilichtmuseum Detmold entspricht einem westfälischen Dorf um 1900 und umfasst fast 40 Fachwerkhäuser. Besonders hervorsticht das Bürgerhaus Stahl aus dem Jahr 1730 mit seinem hübsch verzierten Rokokotor. Daran sieht man gleich, das hier eine wohlhabende Bürgersfamilie gelebt haben muss. Nicht weit davon steht nämlich zum Vergleich ein Tagelöhnerhaus, das eine weit ärmlichere Behausung zeigt. Hier lebte eine Großfamilie auf nur 50 Quadratmetern in einem engen Raum zusammen.

Freilichtmuseum Detmold

Das reiche Bürgerhaus Stahl mit dem hübschen Rokokotor von 1730 ist das Dorfjuwel im Paderborner Dorf im Freilichtmuseum Detmold

Eine Zeitreise voll authentischer Einblicke im Freilichtmuseum Detmold

Freilichtmuseum Detmold

Die Mühle klappert am rauschenden Bach im Freilichtmuseum Detmold

Das Paderborner Dorf zeigt einen sehr authentischen Eindruck vom Dorfleben im 18. und 19. Jahrhundert, sämtliche Gebäude stehen repräsentativ für eine Dorfgemeinde der damaligen Zeit: Besucher haben Einblicke in Scheunen und Ställe, können durch liebevoll angelegte Gemüsegärten spazieren, in denen Gemüse angebaut wird, wie vor hundert Jahren, es gibt ein Pastorat, in dem der Pfarrer als Seelsorger der Gemeinde wohnte, in der Bäckerei kann man Backwaren frisch aus dem Ofen erwerben und im Fotomusem können sich Besucher im historischen Fotostudio ablichten lassen. Alles hier wirkt so authentisch, dass ich nicht das Gefühl habe in einem Museum zu sein, alles wirkt beinahe so, wie aus dem kleinen schwäbischen Dorf aus dem ich komme. Ich kann mich noch daran erinnern, wie meine Oma einmal im Monat mit den Dorffrauen Brot im Backhaus backte (auf Holzkohlen), ich habe plötzlich den Geruch von feuchtem Heu und Stroh wieder in der Nase, den Geruch vom modrigen Kohlenkeller oder der Fäulnis eines Holzbergs. Das alles ist noch nicht so lange her, doch es geriet in Vergessenheit, da es gefühlt hundert Jahre zurücklag. Mit jedem Schritt im Freilichtmuseum Detmold gehe ich zurück in diese Zeit und werde immer mehr hineingezogen. Man hat hier an alles gedacht, an den Abort genauso wie an die Wegekapelle, an die zwei Lippischen Gänse und an den Kolonialwarenladen, indem die Menschen früher Dinge aus den Kolonien erwerben konnten.

Ich laufe weiter durch das Sauerländer Dorf, durch den Westmünsterländer und Osnabrücker Hof, die nicht minder idyllisch wirken. Wind- und Wassermühlen geben dem den Dörfern und Höfen, die sich innerhalb des Freilichtmuseums Detmold angesiedelt haben einen weiteren idyllischen Touch. In dieses Landschaftsbild passen auch die beiden Kaltblüter, die Besucher vom Eingang hinauf ins Paderborner Dorf bringen. Denn das Freilichtmuseum ist riesig. Ich hätte hier noch gut ein paar Stunden verbringen können, auf alle Fälle hat sich meine kleine Zeitreise gelohnt und ich habe wieder mal viel gelernt.

Freilichtmuseum Detmold

Infos zum LWL Freilichtmuseum Detmold

 Das Freilichtmuseum Detmold ist nach eigener Aussage das größte Freilichtmuseum in Deutschland. Auf 90 Hektar werden historische Gebäude und Wohnungen gezeigt. Daneben hat sich das Freilichtmuseum Detmold zur Aufgabe gemacht, die reiche Kulturlandschaft zu bewahren. Auf der landwirtschaftlichen Nutzfläche werden alte Obst- und Gemüsepflanzen angepflanzt (z.B. auch der Flachs) und auch Tiere, die man so heute nicht mehr züchten würde, haben im Freilichtmuseum Detmold ein Zuhause gefunden, so z.B. die Lippischen Gänse, die wesfälischen Kaltblüter, die Schafe und die Bienenzucht. Außerdem gehört zum Bildungsauftrag des Museums, historische Handwerkstätigkeiten und Arbeitstechniken zu erforschen. Dies wurde mir anschaulich bei meinem Textilworkshop gezeigt. Außer dem Textilworkshop gibt es auch noch zu andern Handwerkstätigkeiten Workshops für Besucher, z.B. in der Ziegelei. Infos dazu auf der Webseite des Museums.

Öffnungszeiten: April bis Oktober, Dienstag bis Sonntag von 9 bis 18 Uhr
Internet: lwl-freilichtmuseum-detmold.de
Bloggerin Bettina war ebenfalls im Freilichtmuseum Detomold unterwegs und berichtet hier darüber.

Hat dir dieser Reisebericht zum Freilichtmuseum Detmold gefallen? Dann teile ihn gleich mit deinen Freunden auf Facebook und abonniere den kostenlosen Newsletter von unterwegs & daheim.

 

Vielen Dank an Ulrike Loh für den äußerst informativen Textil-Workshop bei dem ich soviel Wissenswertes über die Herstellung von Kleidern erfahren habe. Vielen Dank auch an das LWL Freilichtmuseum Detmold und den Tourismusverband Teutoburger Wald für die Einladung und den Besuch in Detmold und im Teutoburger Wald.