Flaschenpost aus Hamburg

Da stand diese Frau am Steinwerder-Ufer und blickte auf das Antlitz der gegenüberliegenden Stadt Hamburg. Ihre Haare wehten im Wind, sie holte einen Brief aus ihrer Tasche und steckte ihn in eine Flasche. Schließlich drehte sie sich um, ein letzter Blick auf die Michaeliskirche und sie warf die Flasche in die Elbe und verschwand. Der alte Seemann, der wie jeden Morgen mit seinem  Kahn die Elbe hinunter in den Hafen hinein schipperte, wunderte sich über die seltsame Flasche, die an seinen Kahn stieß. Er fischte sie aus dem Wasser, öffnete sie und las den Brief, den die junge Frau hineingesteckt hatte.

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Hamburg, Rickmer Rickmers und Michaeliskirche

Hamburg, meine Perle

Hamburg, meine Perle – das klingt abgedroschen, ich weiß. Aber ich kann nichts dafür, seit ich im Zug zu dir nach Hamburg sitze, pocht die HSV-Hymne in meinem Kopf herum und am liebsten würde ich durchs Abteil singen: Oh Hamburg, meine Perle, du wunderschöne Stadt, du bist mein zu Haus, du bist mein Leben, du bist die Stadt, auf die ich kann. Hamburg ist die Stadt, über die kein Mensch jemals Schlechtes gesagt hat. Im Wettstreit mit München um die schönste Stadt Deutschlands bringt ihr das vielleicht den entscheidenden Vorteil, andererseits, ist der Schöne-Wetter-Vorteil in München auch nicht zu verachten. Aber das kümmert mich nicht, denn du, mein Hamburg, empfängst mich mit strahlendem Sonnenschein, blauem Himmel und Sommertemperaturen, von denen die Hanseaten sonst nur träumen können. Es ist als wolltest du mir sagen, komm, schau mir in die Augen Kleines und verliebe dich in mich. Und ja, Baby, ich verfalle deinen Reizen, ich merke es schon, wie du mich von Sekunde zu Sekunde mehr in deinen Bann ziehst.

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Ich checke im Hotel ein und kann es kaum erwarten, dich in meine Arme zu schließen, über deine Straßen zu schlendern und mich von deinem maritimen Charme bezirzen zu lassen. Wer  Hamburg besucht, der kommt nicht wegen des imposanten Rathauses, wegen der Alsterfontäne oder wegen der Michaeliskirche, den alle liebevoll den Michel nennen, nein, wer zu dir, mein Hamburg kommt, der kommt, wegen der Schiffe im Hafen und der damit verbundenen Sehnsucht nach der großen weiten Welt, mit der du all die Träumenden anlockst und die irgendwo hinter einem der rießigen Containerschiffe anfängt. Auch ich träume gerne davon und deshalb zieht es mich zu deinem Hafen, dem Nabel der Welt. Denn hier im Hafen, da treffen sich alle, die Seeleute, die Touristen, die Reeder, die Geschäftsleute, die Spaziergänger und die Büroangestellten, die Familien und die die träumen, von der Welt da draußen, irgendwo da, wo die Elbe auf ihrem Weg in die Nordsee am Horizont verschwindet. Man kann die Seeluft riechen, die frische steife Brise, die dir den unterkühlten hanseatischen Touch verleiht und dich in einen Hauch von Distanz hüllt, was dich von all den anderen Städten Deutschlands unterscheidet. Aber das ist ja nur Fassade, denn die Menschen auf den Straßen begegnen mir, wie man so sagt, weltoffen und wie ich sagen würde, überaus freundlich. Da ist nix zu spüren von arroganter Unnahbarkeit, im Gegenteil, vielleicht hat man es gar nicht nötig, sich zu messen, weil man sich als Hanseate sowieso als heimlicher Sieger fühlt, schließlich hat man hier alles, was es zum Leben braucht. Ok, natürlich gibt es den hanseatischen Chic, der mir auf dem Neuen Wall begegnet: großgewachsene blonde Jünglinge mit Ray Bans, blauem Sakko mit Ellbogenflicken und roten Hosen. Um ehrlich zu sein, ich steh irgendwie drauf. Es steht dir, Hamburg, einfach gut. Und ich könnte mich bei einem Bummel unter den Arkadengängen oder bei einem Blick in die Schaufenster der edlen Möbelläden verlieren (ich liebe schöne Möbel).

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Hamburg: Klein Amsterdam?

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Ich schlendere also zum Hafen und besteige das letzte Schiff für heute, die Sirene ertönt und da fahren wir los durch die Docks und die Werften, während aus dem Schiffslautsprecher Jack Johnsons I got you klingt. Wir tuckern so gemächlich von dannen, vor uns verlässt die AIDA den Hafen und die Hafenarbeiter ziehen Container an den Krähnen nach oben und unten. Was für eine Logistik! Das südkoreanische Containerschiff Hanjin misst 350 Meter Länge! Alles fließt nebenher, das Touristenboot, das Containerschiff, das Kreuzfahrtschiff und doch wirkt alles so ruhig und gelassen. Täglich werden hier Tonnen von Waren verladen und Schiffe zielen über 170 Länder an, Kapitäne und Matrosen singen stolz die alten Seemannslieder in den Hafenkneipen und berichten in feinstem Plattdeutsch die alten Geschichten. Auf der anderen Seite liegen die ausrangierten alten Kaliber im Museumshafen Oevelgönne und lassen die guten alten Seefahrerzeiten erahnen. Gleich dahinter beginnt eine andere Welt, für die du mein Hamburg berühmt bist, deine Villen der Elbchaussee zieren das Elbufer wie eine weiße Perlenkette an deinem schlanken Hals. Ja, du bist reich und geizt auch nicht mit deinen Millionen und Millionären, die ihre Wohnsitze in Altona und Blankenese nur zu gern mit Blick auf die Weite der Hafenlandschaft verlegen. Du stolze Schönheit des Nordens, weißt ganz genau, was du zu bieten hast und stellst deinen Reichtum zur Schau. Am Elbstrand genießen deine Bewohner noch die letzten Sommersonnenstrahlen des Tages und ich lasse mich vom Glitzern der Wasseroberfläche verführen.

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Irgendwo da hinten beginnt die große Freiheit, wo die AIDA gen Nordsee schippert und die Elbe den Himmel berührt, Hamburg, meine Perle

 

I`ve got you

I don’t need nothing more than you

I got everything

I’ve got you    (Jack Johnson, I got you)

 

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Hamburg Hafen

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Hamburg Hafen

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Hamburg Hafen

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Hamburgs Perlenkette: Der Elbstrand und die Villen der Elbchaussee

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Hamburg I like

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habe ich schon erwähnt, dass ich ein absoluter Schiffe und Hafenfan bin?

Ich gebe es zu, wenn das Schiff zurück in die Stadt fährt, das ist was ganz Besonderes, die Rickmer Rickmers triumphiert wie eine stolze alte Dame vor den Toren der Stadt und die unfertige Elbphilharmonie – naja, lassen wir das Kapitel, auch du mein Hamburg, hast halt nicht nur Schokoladenseiten. Am Hafen gönne ich mir ein Radler, das in Hamburg Alsterwasser heißt und ein Krabbenbrötchen, während die Möwen um den Lousiana-Raddampfer kreischen. Es ist das herrliche Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, oder wie Goethe sagte, Augenblick verweile doch, du bist so schön. Der Reeder, Fred, will mich einladen auf eine Hafenrundfahrt, ich sage, Fred, nein danke und Fred erzählt davon wie er Dominas in den SM-Studios auf der Reeperbahn fotografiert als Hobby natürlich, aber das fände hier in Hamburg keiner schlimm. So scheint es wohl, es gibt halt viele Welten in einer.

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Hamburg – Elbphilharmonie

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Hamburg: Die MS Deutschland bekannt auch als Das Traumschiff

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Hamburg Hafencity, romantisch im kühlen Norden

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Hamburg, Freiheit und der Duft der großen weiten Welt

Ich schlendere weiter, durch deine neue Hafencity, die du dir wie ein Schmuckstück um den Hals hängst. Auch das mein Hamburg, steht dir wieder einmal ausgezeichnet, denn hier kannst du dich austoben, ganz wie es dir gefällt und schick sein, und trendy und modern mit neuen Bars, Restaurants und sündhaft teuren Penthouse-Wohnungen. Dabei steht dir deine altehrwürdige Tracht in der Speicherstadt noch viel besser, denn hier erst entfaltest du deinen traditionellen Charakter als Hansestadt. Zwischen den Fleeten, Kontoren und den über 100 Jahre alten Backsteinhäusern mit den schmucklosen Giebeln zeigst du schlichte Eleganz, an der ich mich kaum sattsehen kann. Getreide, Tee und vor allem Kaffee waren in einer Zeit, die längst vergangen ist, die wichtigsten Waren, die hier gehandelt wurden.

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Hamburg: die über 100 Jahre alte Speicherstadt

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Hamburg: wer dieser Stadt nicht verfällt ist selbst schuld

Ja, ich will dich verstehen, mein Hamburg, so ganz und gar. Vielleicht gelingt es mir, wenn ich die 453 Stufen deines Wahrzeichens – dem Michel – hinaufschnaufe. Den Fahrstuhl habe ich übersehen, dafür konnte ich einen Blick auf das Herzstück des Michels werfen – das Uhrwerk. Ich hab gehört, dass die Hamburger es lieben, wenn täglich die Bläser vom Kirchturm blasen und man das über die ganze Stadt hinaus hören solle. Völlig verschwitzt komme ich irgendwann oben an und spätestens jetzt, mein Hamburg, haust du mich um. Von hier oben sehe ich deine ganze Größe, das enorme Ausmaß des Hafens wird mir jetzt erst klar, auf der Alster dagegen ziehen weiße Segelboote ihre Runden und wieder wirkt alles so ruhig und gelassen als befände ich mich wirklich in einem komatösen Traum. Der Wind peitscht mir ins Gesicht, doch die Aussicht ist grandios.

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Hamburg Wahrzeichen: Die Michaeliskirche oder auch Michel

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Die Aussicht vom Michel über Hamburg ist grandios

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Hamburger Stadtansichten von oben

Im schönen Garten von Planten und Blomen genieße ich die Abendstille zwischen dem Duft von Mohn und Rosen und dem leisen Plätschern der Brunnen. Hier fand mal die Gartenschau statt, doch selbst am Samstagabend ist es ruhig hier, in Frankfurt würden sich Junkies hier Spritzen setzen, aber nein, bei dir mein Hamburg, da scheint alles anders zu sein. Wo dein Wasser ist, ist auch dein Grün. Das gefällt mir, es gibt einem das Gefühl alles haben zu können: die moderne Großstadt und die Stille der Natur.

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Hamburger Rathaus

Schließlich lasse ich den Tag ausklingen, am Jungfernstieg, wo einst deine reichen Bürgersleut ihre unverheirateten Töchter spazieren führten. Ich setze mich in den Alsterpavillion, der schon 1799 als erstes Eiscafé Deutschlands eröffnet wurde. Angesichts der exklusiven Lage und dem wunderschönen Blick über die Binnenalster, den Luxushotels, die im Abendlicht glänzen und der Alsterfontäne hätte ich teure Preise erwartet, aber es hält sich alles im Rahmen und das, mein Hamburg, macht dich dann doch sympathisch für mich als Schwäbin. Aber, dass sich Schwaben und Hamburger so gut verstehen, das hast du ja bewiesen, in dem du ausgerechnet an diesem Wochenende mein Lieblingsfest beherbergst, nämlich das Stuttgarter Weindorf und so schaffst du es doch tatsächlich, mein schönes Hamburg, dass ich mich bei dir sofort wie zuhause fühle. Ja, ich genieße diesen Sommerabend in romantischer Stimmung bei einem Glas Wein und in guter Gesellschaft und mit dem herrlichen Blick auf die Alster, die mir als glänzenden Höhepunkt auch noch ein Feuerwerk beschert. Damit hast du dich wirklich selbst übertroffen, Hamburg, und mir einen wunderbaren Empfang beschert. Das werde ich dir nie vergessen. Aber wie es so ist mit Fernbeziehungen, sie enden irgendwie immer still und leise. Ich jedenfalls bin überzeugt, dass ich mich zu jeder Zeit neu verlieben werde, in dich, Du schöne Perle, des Nordens.

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Hamburg Jungerfensteg: Alsterpavillion “Alex”

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Hamburg Binnenalster mit Alsterfontäne

 

Die junge Frau verschwand im alten Elbtunnel, der das Steinwerder-Ufer mit der Stadt verband. Der alte Seemann las den Brief während im Hafen das übliche Treiben von sich ging. Sein vom Wind zerfurchtes Gesicht blickte hinaus auf die Elbe, die Möwen kreischten um seinen Kahn. Hamburg, du bist mein zu Haus, du bist mein Leben, du bist die Stadt, auf die ich kann. Er steckte den Brief in seine Jackentasche und schipperte wie jeden Morgen die Elbe hinunter. Die junge Frau mit dem wehenden Haar, die war ich.

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Der alte Seemann und das Meer… in diesem Fall die Elbe in Hamburg

Vielen Dank an die Stadt Hamburg und an den Baseler Hof, die meinen Aufenthalt in Hamburg unterstützt haben. Meine Liebeserklärung, meine Ansichten und meine Meinung entspringen jedoch den Tiefen meiner eigenen Seele.

 

6 Kommentare

  • Nina sagt:

    Das ist wirklich ein toller Artikel, Nicole! Du bringst eine wunderbare Stimmung rüber :-) Ganz liebe Grüße NIna

  • Thomas sagt:

    Schöner, informativer Bericht und ganz tolle Aufnahmen. Hamburg ist immer wieder eine Reise Wert.

    Lg
    Thomas

  • Phil (killerwal.com) sagt:

    Uff, was für ein Artikel über eine Stadt, mit der ich eigentlich schon fast komplett abgeschlossen hatte. Zur Erklärung: Ich pendelte einmal mehr als ein Quartal vom hohen Norden nach München und flog somit ständig die Strecke HAM-MUC.

    Was ich von Hamburg kannte: Mieses Wetter in ständigem Grau, Stau im Elbtunnel und Temperaturen, an die ich nicht zurück denken will. Kurzum: Hamburg und ich … das war nix.

    Bei deinem Artikel komme ich doch glatt ins Grübeln. Bei schönem Wetter ist das ja eine ganz andere Seite. Und selbst das Milliardengrab Elbphilharmonie könnte man eigentlich schon fast als Sight durchgehen lassen.
    Deswegen: Ja! Ja! Ich kann deine Liebeserklärung nachvollziehen und würde der “Perle” glatt ‘ne zweite Chance geben.
    … aber beim Blick auf’s Klimadiagramm könnte auch ein zweites Treffen buchstäblich ins Wasser fallen :) Schicksal, jetzt bist du dran.

    LG Phil

    • Nicole sagt:

      Hi Phil,
      ich hatte Glück – hab HH an einem super schönen Sonnenschein-Wochenende gedated und da ist der Hafen natürlich toll. Wenn ich grau in grau sehen würde, würde mir das auch nicht so gut gefallen, ich glaub aber, dass die Stadt trotzdem was hat, die Leute? Die Speicherstadt? Das Aufgeräumte? Vielleicht magst du Hamburg ja noch eine zweite Chance geben, vielleicht an einem Sommertag falls es das nochmal geben sollte;-)
      LG Nicole

  • Melliausosna sagt:

    Ich wurde auch eingeladen, musste dann aber leider wieder absagen! Sehr schöne Bilder! Und Hamburg lieb ich ja

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