Wien im Wintermantel II

unterwegsunddaheim.de_wien 2013_4

Stephansdom oder wie der Wiener sagt: Steffl

S’is Winterzeit in Wien“, singt Hape Kerkeling. Und während ich so durch die historischen Gassen der Stadt bummle, fallen mir hin und wieder ein paar Textzeilen ein. Wien hat sich sein weißes Winterkleid angezogen, es ist kalt und es schneit. Doch die Stadt will erkundet werden.

Ich beginne meinen Stadtbummel am Stephansdom, den die Wiener so lieb „Steffl“ nennen und der mit seiner Turmspitze und den bunten Ziegeln weit über die Dächer Wiens hinausragt. Ich wäre gern auf den Turm gestiegen, weil ich das so mache, in bedeutenden Kirchbauten, aber der Wind da oben ist zu eisig. Im Innern des gotischen Kirchenschiffs versammeln sich grade noch ein paar Sternsänger (mein Besuch war Anfang Januar), der Weihnachtsschmuck mit samt einer schönen Krippe ist noch aufgebaut, wir zünden eine Kerze an und halten eine Schweigeminute. Auf dem bunten Dach sollen die Wappen des Kaiserreichs, der Stadt Wien und von Österreich zu sehen sein, ich erkenne nur Zickzack.

unterwegsunddaheim.de_wien 2013_1

 Stephansdom von innen

unterwegsunddaheim.de_wien 2013_2

unterwegsunddaheim.de_wien 2013_3

Stephansdom: ok die Weihnachtszeit ist schon ein bisserl her, mein Besuch war Anfang Januar, aber weil`s so schee ist…

Wir biegen wie automatisch ab in den „Graben“ – hier scheint jedes Haus eine einzigartige Kulisse zu sein, an deren Fassaden die Geschichte der Stadt vorbeizieht. Ich habe ein historisches Gemälde im Kopf und stelle mir die Straßen voller Fiaker, feiner Herren mit Zylindern, feinen Damen mit langen Seidenkleidern und Blumenmädchen am Wegesrand vor. Die Straße war schon immer ein Marktplatz, ein Schauplatz des Handels. Die erste Sparkasse Österreichs am Graben 21 beherbergt noch heute Bankschalter. Heute sind in den einstigen Bürgerhäuser Filialen der Läden, die man in jeder Stadt findet. Mit dem Unterschied, dass sich in Wien die wohl schönste H&M Filiale befindet. Auch diese Filiale hat ihre Tradition beibehalten, ehemalig war hier das renommierte Bekleidungsunternehmen E. Braun & Co., das als k.u.k Hoflieferant Textilien in die exklusivsten Orte lieferte. Das zeigt, wie Stolz die Wiener auf ihre Tradition sind, die sie sich nicht mal von zahlungskräftigen internationalen Ladenketten nehmen lassen. Das mag für manch einen antiquiert wirken, dem Touristen jedoch lässt es das Herz höher schlagen.

unterwegsunddaheim.de_wien 2013_7

Wien Innenstadt: Der Graben – Tradition, Tradition, Tradition

unterwegsunddaheim.de_wien 2013_5

Meine ganze Aufmerksamkeit lenkt jedoch die in der Mitte der Straße stehende Pestsäule mit ihren goldenen Verzierungen auf sich. Sie soll an die Pestepedemie von 1679 erinnern.

unterwegsunddaheim.de_wien 2013_6

Wien Graben: Die Pestsäule

Weiter geht es in Richtung Kohlmarkt, auf dem früher tatsächlich Kohlen verkauft wurden. Durch die Nähe zur Hofburg wurde sie jedoch zur Luxusmeile umgebaut und das ist der Kohlmarkt noch immer. Es geht vorbei an Luxuslabeln wie Louis Vuitton, Burberry, Gucci und eine Menge blondierter Damen, die mit ihren Einkaufstaschen von eben jenen Labeln von Shop zu Shop ziehen. Die Weihnachtsbeleuchtung über den Straßen versetzt die Stadt in die richtige Shoppingstimmung. I like. Und dann glänzt sie vor uns, die Wiener Hofburg, das Kronjuwel Wiens. Am Michaelerplatz stehen die Fiaker und frieren sich im Schneematsch die Hufe ab, genauso wie ich. Und da schwirrt wieder eine Textzeile von Hape Kerkelins „s’is Winterzeit in Wien“ durch meinen Kopf:  „Steht da Raureif auf den Straß’n, friert da Tropf´n an da Nas´n“. Und so ist es. Flucht vor der Kälte ins Café Demel.

unterwegsunddaheim.de-wien2013-17

Wien Luxusmeile am Kohlmarkt

unterwegsunddaheim.de-wien2013-19pg

Fiaker vor der Hofburg – diesen beiden Hübschen ist es auch kalt

unterwegsunddaheim.de-wien2013-13-00jpg

Heiße Maronen zur Winterzeit oder wie Hape Kerkeling singt “auf den Straß’n fressen’s Maronen heiße…s’is Winterzeit in Wien”

Anschließend spazieren wir vorbei am Heldenplatz, der den ganzen Glanz des imperialen Kaiserreiches zeigt. Ein Schauplatz der Machtdemonstration, es sollte ein Kaiserforum werden, wie es die Welt noch nicht gesehen hat, geplant von Kaiser Franz Josef I. Hitler ließ hier seine Fahnen wehen und verkündete den Anschluß Österreichs ans Deutsche Reich. Heute residiert in einem Trakt der Bundeskanzler Österreichs.

unterwegsunddaheim.de_wien 2013_10

Wien im Winter – der Heldenplatz

unterwegsunddaheim.de-wien2013-13

Heldenplatz am Abend

Das soll mir egal sein, lange halte ich es vor keiner dieser historischen Kulissen aus, kurz ein Bild vom Kunsthistorischen Museum und seinem fast identisch aussehenden gegenüberstehenden Pendant, dem Naturwissenschaftlichen Museum, dann schnell weiter durch den Volksgarten, der vollständig unter einer Schneedecke versunken liegt, ein Stück die Ringstraße hoch, vorbei am Wiener Rathaus, das im grauen Winterhimmel verschwindet. Ein Foto später, das kolossal vor mir thriumphierende Burgtheater, das ich bei meinem ersten Wien-Besuch von allen Seiten fotografierte – heute mache ich mir noch nicht einmal die Mühe das Prachtstück ins rechte Licht zur rücken, den mir frieren fast die Finger dabei ab. Durchhalten ist angesagt, wir schlendern die Herrengasse hinunter, schauen in ein paar der stilvollen Wiener Palais, vorbei am Café Central. Mittlerweile habe ich nasse Füße, weil meine Stiefel nicht mehr mithalten und dabei haben wir nur einen kleinen Spaziergang gemacht. Es hilft nur… Flucht in ein Kaffeehaus? Richtig.

unterwegsunddaheim.de_wien 2013_8

unterwegsunddaheim.de-wien2013-14

Wien im Wintermantel – Rathaus

unterwegsunddaheim.de-wien2013-15

Leise rieselt der Schnee auf das Burgtheater

unterwegsunddaheim.de-wien2013-16

 Café Central im Palais Ferstel

Ein goldener Kuss im Prinzenschloss

unterwegsunddaheim.de-wien2013-21

 Schloss Belvedere

Nachmittags fahren wir mit der S-Bahn ins Belvedere. Das Barockschloss des Prinzen Eugen von Savoyen ist nicht nur von außen ein Postkartenmotiv, die Räumlichkeiten im Innern, sind ein architektonisches Meisterwerk, wovon ich mehr begeistert bin als von der Gemäldesammlung, wegen der wir eigentlich die Eintrittskarten kauften. Denn im Innern erlebe ich hautnah den goldenen Kuss von Gustav Klimt. Klimts berühmtestes Gemälde wird gerade in einer 150-Jahr-Ausstellung gefeiert. Ein Blick aus dem Fenster zeigt die barocke Gartenanlage unter einer Schneedecke und das untere Belvedere. Ein Spaziergang im Garten kann im Sommer ja ganz romantisch sein, im Winter nee, danke, lieber zurück zur S-Bahn und noch kurz einen Abstecher zur Karlskirche bevor sich die Dunkelheit über Wiens Postkartenmotive breit macht.

unterwegsunddaheim.de-wien2013-20

 Schloss Belvedere

unterwegsunddaheim.de-wien2013-22

Schloss Belvedere – Eingangshalle des Kunstmuseums

Auch die grüne Kuppel der Karlskirche sticht über den Dächern Wiens hervor und damit zählt die 1713 erbaute Barockkirche ebenfalls zu einem Wahrzeichen Wiens. Mittlerweile ist es tatsächlich dunkel geworden und unsere Füße sind naß, meine Finger frieren mir beim Fotografieren ab und wir sind auch erschlagen von den vielen Sehenswürdigkeiten, daher gehen wir zum Abendprogramm über. Dieses findet so richtig zünftig im Heurigen statt. So heißen die Weinstuben in Wien. Als Nicht-Wienkenner verschlägt es uns in den 12 Apostelkeller, wahrscheinlich gibt es bessere Lokale, aber wir kennen sie halt nicht. Ich brauche ein paar Minuten um zu merken, dass die etwas ruppige Art des Kellners eigentlich der doch ganz charmante Wiener Schmäh ist und dann haben wir auch Spaß, der Wiener und ich. Zum Glaserl Wein und deftigem österreichischen Essen spielen uns die Akkordeonspieler einen echten Wiener Walzer und ein paar andere Stückerl. Aufgefallen sind wir also schon mal. Fazit: im Heurigen kann man das Sightseeing-Programm perfekt ausklingen lassen und den Wiener dabei ein bisserl besser kennenlernen!

unterwegsunddaheim.de_wien 2013_11

Karlskirche

 

Zur Vienna-Card: wir haben uns die Vienna-Card für 19,99 Euro gekauft, was aber gut überlegt sein will, denn es lohnt sich nur, wenn man sehr viel ansehen will. Wir haben uns die Card v.a. gekauft, weil man dafür auch 72 Stunden lang mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren kann. Minuspunkt: Auf die Imperial-Tour in Schönnbrunn gab es damit keine Ermässigung. Damit ist die Card ein bisschen Touristenfalle, die sich aber wohlüberlegt eingesetzt, auszahlt.

Buchtipps:

Arthur Schnitzler: die Erzählungen, insbesondere: Therese, Leutnand Gustl, Traumnovelle. Arthur Schnitzlers Erzählungen sind Meisterwerke des Realismus und spielen im Wien der Jahrhundertwende, zur Zeit als Siegmund Freund die Psychoanalyse erfunden hat und Gustav Klimt seine berühmten Goldgemälde in Wien gemalt hat. Die Protagonisten sind einfache Menschen aus dem Volk mit ihren ganz alltäglichen Seelenöten. Schnitzler ist für Wien Fans zur Zeit der kk-Monarchie, der Wiener Moderne eine gute Buchempfehlung für gemütliche Kaffeehausstunden (dort hat Schnitzler auch geschrieben).

Elisabeth. Kaiserin wider Willen. Brigitte Hamann. Biografie von Kaiserin Elisabeth. Für alle Sisi-Fans und Freunde der KK-Monarchie ein Muss im Bücherregal, denn Brigitte Hamann zeigt das Leben der echten Sisi in historischen Bildern, Gedichten und Beschreibungen. Eine außergewöhnliche Frau.

 

Lest auch:

Wien im Wintermantel Teil I

Wien Kaffeehauskultur: Wiener Melange und Sacher Torte – eine kleine Kafffeehauskunde

Wien – in der schönsten Reithalle der Welt